Koran – Sure 2 – Vers 13

Sure 2 — Die KuhMedinensische Offenbarung · 286 Verse

Die Sure 2, genannt Al-Baqarah (« Die Kuh »), ist die längste Sure des Korans.

Sie stellt einen grundlegenden Text für die religiöse, rechtliche und gemeinschaftliche Ordnung der Gläubigen dar.

Sie wurde größtenteils in Medina offenbart und entfaltet zentrale Themen wie Glauben, Gesetz, Bund, Gebet, Fasten und die Beziehung zu den jüdischen und christlichen Traditionen.

Quran-002-013
Sure 2 – Al-Baqara – „Die Kuh“ – Vers 13
وَإِذَا قِيلَ لَهُمْ آمِنُوا كَمَا آمَنَ النَّاسُ قَالُوا أَنُؤْمِنُ كَمَا آمَنَ السُّفَهَاءُ ۗ أَلَا إِنَّهُمْ هُمُ السُّفَهَاءُ وَلَٰكِن لَّا يَعْلَمُونَ
Wa-idhā qīla lahum āminū kamā āmana n-nāsu qālū a-nu'minu kamā āmana s-sufahā'u, alā innahum humu s-sufahā'u wa-lākin lā ya'lamūn.
„Und wenn zu ihnen gesagt wird: ‚Glaubt, wie die Menschen geglaubt haben‘,
antworten sie:
‚Sollen wir glauben, wie die Toren geglaubt haben?‘
In Wahrheit sind sie selbst die Toren —
doch sie wissen es nicht.“
Kurz gesagt — Diejenigen, die sich weigern zu glauben, halten sich für besonders klarsehend; der Vers kehrt ihre Verachtung gegen sie selbst.

Was der Text sagt

Der Vers stellt einen scharfen Gegensatz dar. Auf der einen Seite stehen die aufrichtigen Gläubigen — schlicht als an-nās, „die Menschen“, bezeichnet, also die gewöhnliche Gemeinschaft der Menschen. Auf der anderen Seite stehen Figuren, die auf die Aufforderung zu glauben mit Verachtung reagieren: Glauben erscheine ihnen als Schwäche oder als Mangel an Urteilskraft. Das Wort, das sie verwenden, sufahā', ist stark. Es bezeichnet nicht nur jemanden mit geringer Intelligenz; es meint jemanden, dem moralisches Urteilsvermögen fehlt, der leichtfertig handelt und nicht unterscheiden kann, was wirklich zählt.

Bemerkenswert ist jedoch die Struktur ihrer Ablehnung. Die Heuchler sagen nicht: „Wir glauben nicht.“ Sie sagen: „Sollen wir wie sie glauben?“ Ihr Einwand ist also nicht inhaltlicher Natur, sondern sozial. So zu glauben wie die anderen wäre ihrer Meinung nach unter ihrer Würde. Der Vers legt damit eine sehr alte Versuchung offen: sich für klarsichtiger zu halten als die gewöhnlichen Gläubigen.

Die Antwort Allahs diskutiert nicht. Sie kehrt das Urteil schlicht um: Die wirklichen Toren sind diejenigen, die verachten. Ihre Unkenntnis über ihren eigenen Zustand wird so zum tiefsten Ausdruck ihres Irrtums.

Was der Koran an anderer Stelle sagt

Das Motiv des Toren, der sich für weise hält, zieht sich durch mehrere Suren. In derselben zweiten Sure wird derjenige, der sich vom Glauben Abrahams abwendet, als jemand beschrieben, der sich selbst zum Toren gemacht hat (Sure 2,130). Die Idee ist ähnlich: Der Unglaube ist kein Zeichen überlegener Vernunft, sondern eine Form der Blindheit, die der Betroffene selbst nicht erkennt.

Die Sure Al-Anfāl (Die Beute) betont, dass die schlimmsten Geschöpfe in den Augen Allahs diejenigen sind, die weder hören noch verstehen (Sure 8,22). Die Unfähigkeit, den Glauben aufzunehmen, wird hier als Störung der Wahrnehmung dargestellt, nicht als Zeichen von Intelligenz. Die Verachtung des Glaubens wird selbst zu einer Form der Verblendung.

Der Koran greift auch die ironische Umkehr auf, die in diesem Vers sichtbar wird: Was die Ungläubigen bei den Gläubigen als Torheit bezeichnen, nennt Allah Rechtleitung. Diese Umkehrung moralischer Kategorien erscheint besonders in der Sure Al-Mutaffifīn (Die Betrüger), wo die Frevler über die Gläubigen lachen — während am Tag des Gerichts die Gläubigen über sie lachen werden (Sure 83,29–34).

Welche Spannung dieser Text erkennen lässt

Der Vers beschreibt diejenigen, die den Glauben ablehnen, als Toren, die ihren eigenen Zustand nicht erkennen. Diese Aussage ist stark. Sie setzt voraus, dass der Glaube zugänglich ist und dass diejenigen, die ihn zurückweisen, dies nicht aus Mangel an Beweisen tun, sondern aus Stolz oder innerer Verblendung. Daraus ergibt sich eine Frage: Was macht den Glauben für manche zugänglich und für andere nicht? Der Vers beschreibt die Kluft, erklärt sie jedoch nicht.

Eine weitere Spannung liegt in der Struktur der Argumentation selbst. Die Heuchler weigern sich zu glauben wie die Menschen. Ihre Ablehnung scheint also mit einem sozialen Vergleich verbunden zu sein: Sie wollen nicht mit einer Gruppe identifiziert werden, die sie wahrscheinlich als minderwertig ansehen. Doch dieser Einwand wird nicht untersucht; er wird sofort verworfen. Genau hier zeigt sich die Schwierigkeit: Der Vers schließt die Frage in dem Moment, in dem sie sich eigentlich öffnen könnte.

Aus christlicher Sicht wird das Verhältnis von Glauben und Vernunft anders dargestellt. Der Apostel Paulus erkennt an, dass „das Wort vom Kreuz denen, die verloren gehen, Torheit ist1. Doch anstatt den Begriff als Beleidigung zurückzugeben, nimmt er ihn vollständig an: Die Weisheit Gottes kann in den Augen der Welt als Torheit erscheinen. Der Unterschied zwischen den beiden Denkweisen ist deutlich. Im koranischen Vers ist der Tor derjenige, der nicht glaubt. In der paulinischen Perspektive akzeptiert der Glaube selbst, als Torheit zu erscheinen — und gerade darin liegt seine Stärke.

Was bereits bekannt war

Das Wort sufahā' (Toren) erinnert an einen sehr alten Begriff der hebräischen Weisheitsliteratur: nābāl. So heißt es im Psalm 14,1: „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.2 In beiden Traditionen ist der Tor nicht in erster Linie jemand mit geringer Intelligenz. Vielmehr ist es jemand, dessen moralisches Urteil verzerrt ist — und der genau das nicht erkennt. Die Struktur ist in beiden Traditionen erstaunlich ähnlich.

Diese Übereinstimmung ist kein Zufall. Der Koran steht in einem sehr alten biblischen und weisheitlichen Erbe: dem Gegensatz zwischen dem Weisen, der Gott fürchtet, und dem Toren, der lebt, als gäbe es ihn nicht. Dieses Muster war lange vor dem Islam bekannt, und der Koran führt es weiter — sogar bis zur Logik der eschatologischen Umkehr: Diejenigen, die spotten, werden am Ende selbst verspottet werden.

Dennoch vollzieht sich eine feine Verschiebung. In der Bibel wird der Tor durch seine Beziehung zu Gott selbst bestimmt: Er ist derjenige, der Gott leugnet oder in seinem Leben ignoriert. Im Koran hingegen ist der Tor derjenige, der sich weigert zu glauben wie die Gemeinschaft der Gläubigen. Der Schwerpunkt hat sich also verschoben: von Gott hin zur Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft.

Was die Geschichte verständlich macht

Dieser Vers richtet sich an die entstehende Gemeinschaft von Medina. Die im Koran beschriebenen Heuchler waren reale Figuren: Bewohner Medinas, die äußerlich den Islam annahmen, während sie zugleich Beziehungen zu den Gegnern der muslimischen Gemeinschaft aufrechterhielten. Ihre Weigerung, „wie die Menschen“ zu glauben, war daher keine philosophische Haltung, sondern eine soziale und politische Strategie.

Das Wort sufahā' hatte in der arabischen Kultur jener Zeit eine konkrete Bedeutung. Es bezeichnete Menschen, denen Selbstbeherrschung fehlte, die ohne Einsicht handelten oder sich von ihren Leidenschaften fortreißen ließen. Es den aufrichtigen Gläubigen zuzuschreiben bedeutete, sie in einer Stammesgesellschaft zu diskreditieren, in der der Ruf der Weisheit hohes Gewicht hatte. Der Vers entwaffnet diese Rhetorik, indem er sie umkehrt.

Klassische Kommentatoren wie al-Ṭabarī identifizieren die „Menschen“ (an-nās) des Verses mit den Gefährten Muhammads und die Heuchler mit bekannten Figuren der medinensischen Gemeinschaft. Der Vers wirkte daher auch als klare Grenzziehung: auf der einen Seite diejenigen, die wirklich zur Gemeinschaft der Gläubigen gehören, auf der anderen diejenigen, deren Zugehörigkeit nur vorgetäuscht ist.

Was diese Lektüre erhellt

Dieser Vers legt einen sehr menschlichen Mechanismus offen: Die Weigerung zu glauben kann nicht aus ehrlichem Zweifel entstehen, sondern aus einem Gefühl der Überlegenheit. Die Heuchler suchen nicht die Wahrheit — sie wollen nur nicht mit der Masse gleichgesetzt werden. Ihre Verachtung sagt mehr über sie selbst aus als über den Glauben.

Auch die christliche Tradition kennt diese Situation. Paulus spricht davon: „Seht doch eure Berufung an, Brüder: Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen3. Die erste christliche Gemeinschaft bestand also weitgehend aus einfachen Menschen. Doch die christliche Antwort besteht nicht darin, die Beleidigung umzudrehen. Sie geht weiter: Gott hat das Schwache erwählt, um das Starke zuschanden zu machen (1 Kor 1,27). Der Glaube versucht nicht zu beweisen, dass er auf der Seite der Klarsichtigen steht — er akzeptiert demütig, in den Augen der Welt einfach zu erscheinen.

Vielleicht liegt genau hier der tiefste Unterschied. Der Koran kehrt die Anklage um und erklärt die Heuchler zu den wahren Toren. Das Christentum geht einen anderen Weg: Es erkennt an, dass der Glaube in den Augen der Welt als Torheit erscheinen kann. Paulus sagt es ausdrücklich: „Das Wort vom Kreuz ist Torheit für die, die verloren gehen“ (1 Kor 1,18). Dieses Paradox steht im Zentrum der christlichen Botschaft: Was die Welt als Schwäche oder Absurdität ansieht, kann gerade der Ort sein, an dem sich die Weisheit Gottes offenbart. Eine Frage bleibt daher offen: Wird der Glaube an der Klarheit des Glaubenden gemessen — oder an der Wirklichkeit, zu der er führt?

Was der Text sagt

Der Vers stellt einen scharfen Gegensatz dar. Auf der einen Seite stehen die aufrichtigen Gläubigen — schlicht als an-nās, „die Menschen“, bezeichnet, also die gewöhnliche Gemeinschaft der Menschen. Auf der anderen Seite stehen Figuren, die auf die Aufforderung zu glauben mit Verachtung reagieren: Glauben erscheine ihnen als Schwäche oder als Mangel an Urteilskraft. Das Wort, das sie verwenden, sufahā', ist stark. Es bezeichnet nicht nur jemanden mit geringer Intelligenz; es meint jemanden, dem moralisches Urteilsvermögen fehlt, der leichtfertig handelt und nicht unterscheiden kann, was wirklich zählt.

Bemerkenswert ist jedoch die Struktur ihrer Ablehnung. Die Heuchler sagen nicht: „Wir glauben nicht.“ Sie sagen: „Sollen wir wie sie glauben?“ Ihr Einwand ist also nicht inhaltlicher Natur, sondern sozial. So zu glauben wie die anderen wäre ihrer Meinung nach unter ihrer Würde. Der Vers legt damit eine sehr alte Versuchung offen: sich für klarsichtiger zu halten als die gewöhnlichen Gläubigen.

Die Antwort Allahs diskutiert nicht. Sie kehrt das Urteil schlicht um: Die wirklichen Toren sind diejenigen, die verachten. Ihre Unkenntnis über ihren eigenen Zustand wird so zum tiefsten Ausdruck ihres Irrtums.

Was der Koran an anderer Stelle sagt

Das Motiv des Toren, der sich für weise hält, zieht sich durch mehrere Suren. In derselben zweiten Sure wird derjenige, der sich vom Glauben Abrahams abwendet, als jemand beschrieben, der sich selbst zum Toren gemacht hat (Sure 2,130). Die Idee ist ähnlich: Der Unglaube ist kein Zeichen überlegener Vernunft, sondern eine Form der Blindheit, die der Betroffene selbst nicht erkennt.

Die Sure Al-Anfāl (Die Beute) betont, dass die schlimmsten Geschöpfe in den Augen Allahs diejenigen sind, die weder hören noch verstehen (Sure 8,22). Die Unfähigkeit, den Glauben aufzunehmen, wird hier als Störung der Wahrnehmung dargestellt, nicht als Zeichen von Intelligenz. Die Verachtung des Glaubens wird selbst zu einer Form der Verblendung.

Der Koran greift auch die ironische Umkehr auf, die in diesem Vers sichtbar wird: Was die Ungläubigen bei den Gläubigen als Torheit bezeichnen, nennt Allah Rechtleitung. Diese Umkehrung moralischer Kategorien erscheint besonders in der Sure Al-Mutaffifīn (Die Betrüger), wo die Frevler über die Gläubigen lachen — während am Tag des Gerichts die Gläubigen über sie lachen werden (Sure 83,29–34).

Welche Spannung dieser Text erkennen lässt

Der Vers beschreibt diejenigen, die den Glauben ablehnen, als Toren, die ihren eigenen Zustand nicht erkennen. Diese Aussage ist stark. Sie setzt voraus, dass der Glaube zugänglich ist und dass diejenigen, die ihn zurückweisen, dies nicht aus Mangel an Beweisen tun, sondern aus Stolz oder innerer Verblendung. Daraus ergibt sich eine Frage: Was macht den Glauben für manche zugänglich und für andere nicht? Der Vers beschreibt die Kluft, erklärt sie jedoch nicht.

Eine weitere Spannung liegt in der Struktur der Argumentation selbst. Die Heuchler weigern sich zu glauben wie die Menschen. Ihre Ablehnung scheint also mit einem sozialen Vergleich verbunden zu sein: Sie wollen nicht mit einer Gruppe identifiziert werden, die sie wahrscheinlich als minderwertig ansehen. Doch dieser Einwand wird nicht untersucht; er wird sofort verworfen. Genau hier zeigt sich die Schwierigkeit: Der Vers schließt die Frage in dem Moment, in dem sie sich eigentlich öffnen könnte.

Aus christlicher Sicht wird das Verhältnis von Glauben und Vernunft anders dargestellt. Der Apostel Paulus erkennt an, dass „das Wort vom Kreuz denen, die verloren gehen, Torheit ist1. Doch anstatt den Begriff als Beleidigung zurückzugeben, nimmt er ihn vollständig an: Die Weisheit Gottes kann in den Augen der Welt als Torheit erscheinen. Der Unterschied zwischen den beiden Denkweisen ist deutlich. Im koranischen Vers ist der Tor derjenige, der nicht glaubt. In der paulinischen Perspektive akzeptiert der Glaube selbst, als Torheit zu erscheinen — und gerade darin liegt seine Stärke.

Was bereits bekannt war

Das Wort sufahā' (Toren) erinnert an einen sehr alten Begriff der hebräischen Weisheitsliteratur: nābāl. So heißt es im Psalm 14,1: „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.2 In beiden Traditionen ist der Tor nicht in erster Linie jemand mit geringer Intelligenz. Vielmehr ist es jemand, dessen moralisches Urteil verzerrt ist — und der genau das nicht erkennt. Die Struktur ist in beiden Traditionen erstaunlich ähnlich.

Diese Übereinstimmung ist kein Zufall. Der Koran steht in einem sehr alten biblischen und weisheitlichen Erbe: dem Gegensatz zwischen dem Weisen, der Gott fürchtet, und dem Toren, der lebt, als gäbe es ihn nicht. Dieses Muster war lange vor dem Islam bekannt, und der Koran führt es weiter — sogar bis zur Logik der eschatologischen Umkehr: Diejenigen, die spotten, werden am Ende selbst verspottet werden.

Dennoch vollzieht sich eine feine Verschiebung. In der Bibel wird der Tor durch seine Beziehung zu Gott selbst bestimmt: Er ist derjenige, der Gott leugnet oder in seinem Leben ignoriert. Im Koran hingegen ist der Tor derjenige, der sich weigert zu glauben wie die Gemeinschaft der Gläubigen. Der Schwerpunkt hat sich also verschoben: von Gott hin zur Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft.

Was die Geschichte verständlich macht

Dieser Vers richtet sich an die entstehende Gemeinschaft von Medina. Die im Koran beschriebenen Heuchler waren reale Figuren: Bewohner Medinas, die äußerlich den Islam annahmen, während sie zugleich Beziehungen zu den Gegnern der muslimischen Gemeinschaft aufrechterhielten. Ihre Weigerung, „wie die Menschen“ zu glauben, war daher keine philosophische Haltung, sondern eine soziale und politische Strategie.

Das Wort sufahā' hatte in der arabischen Kultur jener Zeit eine konkrete Bedeutung. Es bezeichnete Menschen, denen Selbstbeherrschung fehlte, die ohne Einsicht handelten oder sich von ihren Leidenschaften fortreißen ließen. Es den aufrichtigen Gläubigen zuzuschreiben bedeutete, sie in einer Stammesgesellschaft zu diskreditieren, in der der Ruf der Weisheit hohes Gewicht hatte. Der Vers entwaffnet diese Rhetorik, indem er sie umkehrt.

Klassische Kommentatoren wie al-Ṭabarī identifizieren die „Menschen“ (an-nās) des Verses mit den Gefährten Muhammads und die Heuchler mit bekannten Figuren der medinensischen Gemeinschaft. Der Vers wirkte daher auch als klare Grenzziehung: auf der einen Seite diejenigen, die wirklich zur Gemeinschaft der Gläubigen gehören, auf der anderen diejenigen, deren Zugehörigkeit nur vorgetäuscht ist.

Was diese Lektüre erhellt

Dieser Vers legt einen sehr menschlichen Mechanismus offen: Die Weigerung zu glauben kann nicht aus ehrlichem Zweifel entstehen, sondern aus einem Gefühl der Überlegenheit. Die Heuchler suchen nicht die Wahrheit — sie wollen nur nicht mit der Masse gleichgesetzt werden. Ihre Verachtung sagt mehr über sie selbst aus als über den Glauben.

Auch die christliche Tradition kennt diese Situation. Paulus spricht davon: „Seht doch eure Berufung an, Brüder: Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen3. Die erste christliche Gemeinschaft bestand also weitgehend aus einfachen Menschen. Doch die christliche Antwort besteht nicht darin, die Beleidigung umzudrehen. Sie geht weiter: Gott hat das Schwache erwählt, um das Starke zuschanden zu machen (1 Kor 1,27). Der Glaube versucht nicht zu beweisen, dass er auf der Seite der Klarsichtigen steht — er akzeptiert demütig, in den Augen der Welt einfach zu erscheinen.

Vielleicht liegt genau hier der tiefste Unterschied. Der Koran kehrt die Anklage um und erklärt die Heuchler zu den wahren Toren. Das Christentum geht einen anderen Weg: Es erkennt an, dass der Glaube in den Augen der Welt als Torheit erscheinen kann. Paulus sagt es ausdrücklich: „Das Wort vom Kreuz ist Torheit für die, die verloren gehen“ (1 Kor 1,18). Dieses Paradox steht im Zentrum der christlichen Botschaft: Was die Welt als Schwäche oder Absurdität ansieht, kann gerade der Ort sein, an dem sich die Weisheit Gottes offenbart. Eine Frage bleibt daher offen: Wird der Glaube an der Klarheit des Glaubenden gemessen — oder an der Wirklichkeit, zu der er führt?

Quellen

1 1 Korinther 1,18 : „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit.“ — Paulus erkennt an, dass die christliche Verkündigung in den Augen der Welt absurd erscheinen kann, sieht darin jedoch gerade ein Zeichen göttlicher Weisheit.

2 Psalm 14,1 : „Der Tor spricht in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott.“ — Im Hebräischen bezeichnet nābāl jemanden, dessen moralisches Urteil verzerrt ist, nicht einfach jemanden mit geringer Intelligenz.

3 1 Korinther 1,26–27 : „Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige sind berufen; sondern das Schwache der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen.“ — Paulus kehrt den Vorwurf der Schwäche nicht gegen seine Gegner um, sondern erkennt darin die eigene Logik Gottes.