Koran – Sure 2 – Verse 2-3

Sure 2 — Die KuhMedinensische Offenbarung · 286 Verse

Die Sure 2, genannt Al-Baqarah (« Die Kuh »), ist die längste Sure des Korans.

Sie stellt einen grundlegenden Text für die religiöse, rechtliche und gemeinschaftliche Ordnung der Gläubigen dar.

Sie wurde größtenteils in Medina offenbart und entfaltet zentrale Themen wie Glauben, Gesetz, Bund, Gebet, Fasten und die Beziehung zu den jüdischen und christlichen Traditionen.

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Sure 2 – Al-Baqara – „Die Kuh“ – Verse 2–3
ذَٰلِكَ الْكِتَابُ لَا رَيْبَ ۛ فِيهِ ۛ هُدًى لِّلْمُتَّقِينَ ﴿٢﴾ الَّذِينَ يُؤْمِنُونَ بِالْغَيْبِ وَيُقِيمُونَ الصَّلَاةَ وَمِمَّا رَزَقْنَاهُمْ يُنفِقُونَ ﴿٣﴾
Dhālika l-kitābu lā rayba fīhi hudan li-l-muttaqīn — alladhīna yuʾminūna bi-l-ghaybi wa-yuqīmūna l-ṣalāta wa-mimmā razaqnāhum yunfiqūn
„Dies ist das Buch — kein Zweifel ist in ihm —
eine Rechtleitung für diejenigen, die Allah fürchten,
diejenigen, die an das Unsichtbare glauben, das Gebet verrichten
und von dem ausgeben, was Wir ihnen gegeben haben.“
Mit einem Wort – Der Koran stellt sich als Wegweisung für diejenigen dar, die an das Unsichtbare glauben, beten und geben.

Was der Text sagt

Vers 2 dieser zweiten Sure beginnt mit einer starken Aussage: dhālika l-kitāb, „dies ist das Buch“. Schon in den ersten Worten präsentiert sich der Text als eine sichere Offenbarung. Der Koran erscheint hier nicht als bloße religiöse Rede, sondern als das Buch. Er wird als hudan gegeben, als Rechtleitung für die muttaqīn, diejenigen, die in der Gottesfurcht gegenüber Allah leben.

Die Formulierung lā rayba fīhi, „kein Zweifel ist in ihm“, verstärkt diese Gewissheit. Das Wort rayb bezeichnet nicht nur intellektuellen Zweifel; es ruft auch Unruhe, Misstrauen und innere Unsicherheit hervor. Das Buch wird als ein Wort dargestellt, das keinen Raum für solches Schwanken lässt. Der Begriff muttaqīn stammt aus der Wurzel w-q-y, die bedeutet, sich zu schützen oder sich vor dem Bösen zu bewahren. Gemeint sind diejenigen, die in einer inneren Wachsamkeit vor Allah leben.

Vers 3 präzisiert sofort, wer diese muttaqīn sind. Drei Merkmale kennzeichnen sie: Sie glauben an das Unsichtbare (al-ghayb), sie verrichten das Gebet (yuqīmūna l-ṣalāt), und sie geben von dem aus, was Allah ihnen gewährt hat (yunfiqūn). Diese drei Gesten bilden zusammen das Bild eines Menschen, der ausgerichtet ist — zu Allah im Herzen, zu Allah im Körper und zu den anderen in seinen Gütern.

Was der Koran anderswo sagt

Der Begriff al-ghayb — das Unsichtbare, das Verborgene — gehört zu den wichtigsten Vorstellungen des Korans. Er bezeichnet alles, was den menschlichen Sinnen entzogen ist: die Welt der Engel, den Jüngsten Tag, die Beschlüsse Allahs und Allah selbst in seiner absoluten Transzendenz. Der Koran erklärt, dass nur Allah das ghayb vollständig kennt (S. 6,59; S. 27,65) und dass der Glaube an das, was man nicht sieht, ein grundlegender Akt des Glaubens ist. Dieser Glaube ist nicht irrational; er ist die Haltung des Menschen, der erkennt, dass die Wirklichkeit größer ist als das, was seine Augen erfassen können.

Die ṣalāt — das rituelle Gebet, das fünfmal täglich verrichtet wird — ist eine der Säulen des Islam. Das hier verwendete Verb yuqīmūna bedeutet nicht einfach „beten“, sondern „das Gebet aufrichten“, „es aufrechterhalten“. Das Bild ist stark: Das Gebet ist kein flüchtiger Moment, sondern eine Säule, die der Gläubige aufrechterhält. Dieselbe Formulierung erscheint an anderen Stellen im Koran (S. 2,177; S. 4,103; S. 14,31).

Das dritte Merkmal — yunfiqūn, „sie geben aus“ — verweist auf das, was die Exegeten infāq nennen: das Ausgeben auf dem Weg Allahs, was sowohl die gesetzliche Almosenabgabe (zakāt) als auch jede freiwillige Gabe umfasst. Der Ausdruck mimmā razaqnāhum, „von dem, was Wir ihnen gegeben haben“, ist bedeutsam: Güter gehören nicht absolut dem Menschen; sie werden von Allah gewährt und sollen weitergegeben werden (S. 2,177; S. 8,3; S. 22,35).

Welche Spannung dieser Text aufwirft

Der Glaube an das ghayb, an das Unsichtbare, wird hier als erster Akt des Gläubigen dargestellt — noch vor dem Gebet und vor der Almosengabe. Der Glaube an das Unsichtbare steht also am Anfang von allem. Das wirft eine einfache Frage auf: Woran glaubt man genau, und wie entsteht dieser Glaube? Der Koran setzt diesen Glauben an das ghayb als Ausgangspunkt, doch dieses ghayb bleibt per Definition verborgen. Die islamische Tradition präzisiert seinen Inhalt — Allah, die Engel, das Gericht, das Paradies — doch Allah selbst wird nicht sichtbar und offenbart sich nie persönlich in der Geschichte. Der Glaube ist daher eine Haltung des Vertrauens gegenüber dem, was verborgen bleibt.

Hier erscheint ein Kontrast zur christlichen Offenbarung. Für das Evangelium hat das Unsichtbare selbst den Schritt in die Sichtbarkeit getan. „Das Wort ist Fleisch geworden“1: Gott bleibt nicht im ghayb. Er kommt. Der christliche Glaube gründet nicht nur auf unsichtbaren Wirklichkeiten, sondern auf Gott, der sich in der Geschichte offenbart hat. Es ist also nicht dieselbe Struktur des Glaubens. Die Frage wird konkret: Bleibt Gott jenseits — oder kommt er?

Eine weitere Spannung verdient Aufmerksamkeit. Das Bild des muttaqī (des Gottesfürchtigen) — Glaube, Gebet, Almosen — ist bewundernswert in seiner Kohärenz. Doch im koranischen Rahmen bleibt es das Bild eines Menschen, der durch seine Taten definiert wird. Der Glaube bringt Werke hervor, und die Werke bezeugen den Glauben2. Gerade dieses Verhältnis wird das Neue Testament hinterfragen: nicht um den Wert der Werke zu leugnen, sondern um zu fragen, woher die Kraft zum Handeln kommt. Der Apostel Paulus stellt diese Frage auf seine Weise3: Wenn der Mensch fähig ist, das Gesetz zu erfüllen, woher kommt ihm diese Fähigkeit — und was geschieht mit seinem Versagen?

Was man bereits kannte

Das dreifache Schema von Vers 3 — Glaube, Gebet, Almosen — ist keine koranische Neuerung. Es durchzieht die gesamte biblische Tradition Israels. Das Buch Deuteronomium verbindet immer wieder den Glauben an den einen Gott, die Einhaltung der religiösen Gebote und die Großzügigkeit gegenüber dem Armen, dem Leviten und dem Fremden (Dtn 14,28–29; 26,12). Diese dreigliedrige Struktur — glauben, beten, geben — bildet somit das Rückgrat der jüdischen Frömmigkeit.

Auch der Glaube an das Unsichtbare hat tiefe hebräische Wurzeln. Abraham „glaubte dem Herrn“4, ohne die Erfüllung der Verheißungen bereits zu sehen. Der Hebräerbrief formuliert dies präzise: „Glaube aber ist die Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.“5 Der Glaube an das Unsichtbare ist daher ein gemeinsamer Akt der gesamten abrahamitischen Tradition — Islam, Judentum und Christentum — auch wenn jede ihn anders gestaltet.

Der Begriff taqwā — Gottesfurcht, innere Wachsamkeit — hat ebenfalls seine Entsprechungen in der Bibel. Im Hebräischen gilt die yirʾat Adonai, die „Furcht des Herrn“, als Anfang der Weisheit (Ps 110 [111],10). Diese Furcht ist nicht die Angst vor einem Tyrannen; sie ist der Respekt dessen, der weiß, dass Gott größer ist als er selbst und der sein Leben danach ausrichtet. Der koranische muttaqī und der biblische Weise teilen diesen gemeinsamen Horizont.

Was die Geschichte verstehen hilft

Diese Verse gehören zur medinensischen Zeit: Sure 2 gilt traditionell als nach der Hidschra von 622 offenbart, als Mohammed und seine Gefährten sich in Medina befanden und dort in direktem Kontakt mit organisierten jüdischen Gemeinden standen. Dieser Kontext verändert den Ton des Textes. Es geht nicht mehr nur darum, mekkanische Polytheisten zu überzeugen; es geht darum, den Islam gegenüber strukturierten monotheistischen Traditionen zu definieren, die bereits ihr eigenes Buch, ihr eigenes Gebet und ihre eigene Praxis der Almosengabe besaßen.

Die Aussage lā rayba fīhi — „kein Zweifel ist in ihm“ — erhält in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Jüdische oder christliche Gesprächspartner konnten einwenden: Wir besitzen bereits unsere Schriften; warum also ein neues Buch? Die implizite Antwort des Verses lautet, dass dieses Buch nicht einfach ein weiteres unter vielen ist — es ist DAS Buch, dessen Gewissheit keinen Widerspruch zulässt.

Frühe muslimische Kommentatoren haben auch über den Anfang des Verses nachgedacht: dhālika l-kitāb, „jenes Buch“. Al-Ṭabarī erklärt, dass diese Formulierung die Größe und Erhabenheit des Buches hervorheben kann, als würde es von einer unerreichbaren Höhe gezeigt. So wird der Koran schon in seinen ersten Worten als eine Rede dargestellt, die den menschlichen Ursprung übersteigt.

Dieser Einstieg über das Buch offenbart noch etwas Tieferes. In der koranischen Logik ist Offenbarung vor allem ein herabgesandtes Wort: „Wir sind es, die die Ermahnung herabgesandt haben“ (S. 15,9). Das Zentrum des Glaubens ist nicht ein Ereignis der Geschichte, sondern ein Text, der überliefert und rezitiert wird. Die Bibel funktioniert anders: Sie beginnt fast immer mit einem Handeln Gottes — „Im Anfang schuf Gott“7, oder mit einem Ruf oder einer Begegnung. Die Schrift bezeugt anschließend, was Gott getan hat. Und im Christentum ist der Höhepunkt weder ein Buch noch ein einzelnes Ereignis, sondern eine Person: „Ihr erforscht die Schriften … und sie sind es, die von mir Zeugnis geben“8, sagt Jesus. Der biblische Text führt so zu jemandem hin.

Das Bild der muttaqīn in Vers 3 wurde von den Exegeten als Beschreibung der idealen Glaubensgemeinschaft gelesen. Al-Ṭabarī bemerkt, dass die drei genannten Handlungen — Glaube, Gebet und Almosen — den Pflichten gegenüber Gott (Glaube und Gebet) und den Pflichten gegenüber den Menschen (Almosen) entsprechen. Diese doppelte Forderung ist tief in der semitischen Tradition verwurzelt: Gott mit ganzem Herzen lieben und den Nächsten lieben. Der Koran übernimmt dieses Erbe und gibt ihm seine eigene Gestalt.

Was diese Lektüre erhellt

Diese beiden Verse beschreiben einen Eintritt in den Glauben. An das Unsichtbare glauben, beten, geben: drei einfache und kohärente Gesten, die die Silhouette eines Lebens zeichnen, das auf Allah ausgerichtet ist. Der Glaube ist keine abstrakte Idee — er zeigt sich im Körper und in den Taten. In diesem Punkt stimmt die christliche Tradition vollständig zu.

Doch aus der Struktur des Textes ergibt sich eine Frage. Das ghayb — das Unsichtbare — bleibt verhüllt. Allah überschreitet diesen Schleier nicht. Der Gläubige glaubt an das, was er nicht sieht, betet zu dem, was unsichtbar bleibt, und gibt von dem, was er aus einer Hand empfangen hat, die er nicht sieht. Der Glaube ist real, die Großzügigkeit ist schön — doch die Beziehung bleibt asymmetrisch: Der Mensch versucht, sich zu Allah zu erheben.

Das Evangelium stellt ein anderes Bild vor: Gott, der herabkommt. Nicht mehr nur ein überliefertes Wort, sondern ein Sohn, der kommt.6 Das Unsichtbare bekommt ein Gesicht. Das ist nicht dieselbe Logik der Offenbarung.

Die Frage bleibt offen: Wenn Gott alles vermag, könnte er dann nicht wünschen, anders erkannt zu werden als nur durch ein Buch — könnte er wünschen, persönlich begegnet zu werden?

Was der Text sagt

Vers 2 dieser zweiten Sure beginnt mit einer starken Aussage: dhālika l-kitāb, „dies ist das Buch“. Schon in den ersten Worten präsentiert sich der Text als eine sichere Offenbarung. Der Koran erscheint hier nicht als bloße religiöse Rede, sondern als das Buch. Er wird als hudan gegeben, als Rechtleitung für die muttaqīn, diejenigen, die in der Gottesfurcht gegenüber Allah leben.

Die Formulierung lā rayba fīhi, „kein Zweifel ist in ihm“, verstärkt diese Gewissheit. Das Wort rayb bezeichnet nicht nur intellektuellen Zweifel; es ruft auch Unruhe, Misstrauen und innere Unsicherheit hervor. Das Buch wird als ein Wort dargestellt, das keinen Raum für solches Schwanken lässt. Der Begriff muttaqīn stammt aus der Wurzel w-q-y, die bedeutet, sich zu schützen oder sich vor dem Bösen zu bewahren. Gemeint sind diejenigen, die in einer inneren Wachsamkeit vor Allah leben.

Vers 3 präzisiert sofort, wer diese muttaqīn sind. Drei Merkmale kennzeichnen sie: Sie glauben an das Unsichtbare (al-ghayb), sie verrichten das Gebet (yuqīmūna l-ṣalāt), und sie geben von dem aus, was Allah ihnen gewährt hat (yunfiqūn). Diese drei Gesten bilden zusammen das Bild eines Menschen, der ausgerichtet ist — zu Allah im Herzen, zu Allah im Körper und zu den anderen in seinen Gütern.

Was der Koran anderswo sagt

Der Begriff al-ghayb — das Unsichtbare, das Verborgene — gehört zu den wichtigsten Vorstellungen des Korans. Er bezeichnet alles, was den menschlichen Sinnen entzogen ist: die Welt der Engel, den Jüngsten Tag, die Beschlüsse Allahs und Allah selbst in seiner absoluten Transzendenz. Der Koran erklärt, dass nur Allah das ghayb vollständig kennt (S. 6,59; S. 27,65) und dass der Glaube an das, was man nicht sieht, ein grundlegender Akt des Glaubens ist. Dieser Glaube ist nicht irrational; er ist die Haltung des Menschen, der erkennt, dass die Wirklichkeit größer ist als das, was seine Augen erfassen können.

Die ṣalāt — das rituelle Gebet, das fünfmal täglich verrichtet wird — ist eine der Säulen des Islam. Das hier verwendete Verb yuqīmūna bedeutet nicht einfach „beten“, sondern „das Gebet aufrichten“, „es aufrechterhalten“. Das Bild ist stark: Das Gebet ist kein flüchtiger Moment, sondern eine Säule, die der Gläubige aufrechterhält. Dieselbe Formulierung erscheint an anderen Stellen im Koran (S. 2,177; S. 4,103; S. 14,31).

Das dritte Merkmal — yunfiqūn, „sie geben aus“ — verweist auf das, was die Exegeten infāq nennen: das Ausgeben auf dem Weg Allahs, was sowohl die gesetzliche Almosenabgabe (zakāt) als auch jede freiwillige Gabe umfasst. Der Ausdruck mimmā razaqnāhum, „von dem, was Wir ihnen gegeben haben“, ist bedeutsam: Güter gehören nicht absolut dem Menschen; sie werden von Allah gewährt und sollen weitergegeben werden (S. 2,177; S. 8,3; S. 22,35).

Welche Spannung dieser Text aufwirft

Der Glaube an das ghayb, an das Unsichtbare, wird hier als erster Akt des Gläubigen dargestellt — noch vor dem Gebet und vor der Almosengabe. Der Glaube an das Unsichtbare steht also am Anfang von allem. Das wirft eine einfache Frage auf: Woran glaubt man genau, und wie entsteht dieser Glaube? Der Koran setzt diesen Glauben an das ghayb als Ausgangspunkt, doch dieses ghayb bleibt per Definition verborgen. Die islamische Tradition präzisiert seinen Inhalt — Allah, die Engel, das Gericht, das Paradies — doch Allah selbst wird nicht sichtbar und offenbart sich nie persönlich in der Geschichte. Der Glaube ist daher eine Haltung des Vertrauens gegenüber dem, was verborgen bleibt.

Hier erscheint ein Kontrast zur christlichen Offenbarung. Für das Evangelium hat das Unsichtbare selbst den Schritt in die Sichtbarkeit getan. „Das Wort ist Fleisch geworden“1: Gott bleibt nicht im ghayb. Er kommt. Der christliche Glaube gründet nicht nur auf unsichtbaren Wirklichkeiten, sondern auf Gott, der sich in der Geschichte offenbart hat. Es ist also nicht dieselbe Struktur des Glaubens. Die Frage wird konkret: Bleibt Gott jenseits — oder kommt er?

Eine weitere Spannung verdient Aufmerksamkeit. Das Bild des muttaqī (des Gottesfürchtigen) — Glaube, Gebet, Almosen — ist bewundernswert in seiner Kohärenz. Doch im koranischen Rahmen bleibt es das Bild eines Menschen, der durch seine Taten definiert wird. Der Glaube bringt Werke hervor, und die Werke bezeugen den Glauben2. Gerade dieses Verhältnis wird das Neue Testament hinterfragen: nicht um den Wert der Werke zu leugnen, sondern um zu fragen, woher die Kraft zum Handeln kommt. Der Apostel Paulus stellt diese Frage auf seine Weise3: Wenn der Mensch fähig ist, das Gesetz zu erfüllen, woher kommt ihm diese Fähigkeit — und was geschieht mit seinem Versagen?

Was man bereits kannte

Das dreifache Schema von Vers 3 — Glaube, Gebet, Almosen — ist keine koranische Neuerung. Es durchzieht die gesamte biblische Tradition Israels. Das Buch Deuteronomium verbindet immer wieder den Glauben an den einen Gott, die Einhaltung der religiösen Gebote und die Großzügigkeit gegenüber dem Armen, dem Leviten und dem Fremden (Dtn 14,28–29; 26,12). Diese dreigliedrige Struktur — glauben, beten, geben — bildet somit das Rückgrat der jüdischen Frömmigkeit.

Auch der Glaube an das Unsichtbare hat tiefe hebräische Wurzeln. Abraham „glaubte dem Herrn“4, ohne die Erfüllung der Verheißungen bereits zu sehen. Der Hebräerbrief formuliert dies präzise: „Glaube aber ist die Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.“5 Der Glaube an das Unsichtbare ist daher ein gemeinsamer Akt der gesamten abrahamitischen Tradition — Islam, Judentum und Christentum — auch wenn jede ihn anders gestaltet.

Der Begriff taqwā — Gottesfurcht, innere Wachsamkeit — hat ebenfalls seine Entsprechungen in der Bibel. Im Hebräischen gilt die yirʾat Adonai, die „Furcht des Herrn“, als Anfang der Weisheit (Ps 110 [111],10). Diese Furcht ist nicht die Angst vor einem Tyrannen; sie ist der Respekt dessen, der weiß, dass Gott größer ist als er selbst und der sein Leben danach ausrichtet. Der koranische muttaqī und der biblische Weise teilen diesen gemeinsamen Horizont.

Was die Geschichte verstehen hilft

Diese Verse gehören zur medinensischen Zeit: Sure 2 gilt traditionell als nach der Hidschra von 622 offenbart, als Mohammed und seine Gefährten sich in Medina befanden und dort in direktem Kontakt mit organisierten jüdischen Gemeinden standen. Dieser Kontext verändert den Ton des Textes. Es geht nicht mehr nur darum, mekkanische Polytheisten zu überzeugen; es geht darum, den Islam gegenüber strukturierten monotheistischen Traditionen zu definieren, die bereits ihr eigenes Buch, ihr eigenes Gebet und ihre eigene Praxis der Almosengabe besaßen.

Die Aussage lā rayba fīhi — „kein Zweifel ist in ihm“ — erhält in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung. Jüdische oder christliche Gesprächspartner konnten einwenden: Wir besitzen bereits unsere Schriften; warum also ein neues Buch? Die implizite Antwort des Verses lautet, dass dieses Buch nicht einfach ein weiteres unter vielen ist — es ist DAS Buch, dessen Gewissheit keinen Widerspruch zulässt.

Frühe muslimische Kommentatoren haben auch über den Anfang des Verses nachgedacht: dhālika l-kitāb, „jenes Buch“. Al-Ṭabarī erklärt, dass diese Formulierung die Größe und Erhabenheit des Buches hervorheben kann, als würde es von einer unerreichbaren Höhe gezeigt. So wird der Koran schon in seinen ersten Worten als eine Rede dargestellt, die den menschlichen Ursprung übersteigt.

Dieser Einstieg über das Buch offenbart noch etwas Tieferes. In der koranischen Logik ist Offenbarung vor allem ein herabgesandtes Wort: „Wir sind es, die die Ermahnung herabgesandt haben“ (S. 15,9). Das Zentrum des Glaubens ist nicht ein Ereignis der Geschichte, sondern ein Text, der überliefert und rezitiert wird. Die Bibel funktioniert anders: Sie beginnt fast immer mit einem Handeln Gottes — „Im Anfang schuf Gott“7, oder mit einem Ruf oder einer Begegnung. Die Schrift bezeugt anschließend, was Gott getan hat. Und im Christentum ist der Höhepunkt weder ein Buch noch ein einzelnes Ereignis, sondern eine Person: „Ihr erforscht die Schriften … und sie sind es, die von mir Zeugnis geben“8, sagt Jesus. Der biblische Text führt so zu jemandem hin.

Das Bild der muttaqīn in Vers 3 wurde von den Exegeten als Beschreibung der idealen Glaubensgemeinschaft gelesen. Al-Ṭabarī bemerkt, dass die drei genannten Handlungen — Glaube, Gebet und Almosen — den Pflichten gegenüber Gott (Glaube und Gebet) und den Pflichten gegenüber den Menschen (Almosen) entsprechen. Diese doppelte Forderung ist tief in der semitischen Tradition verwurzelt: Gott mit ganzem Herzen lieben und den Nächsten lieben. Der Koran übernimmt dieses Erbe und gibt ihm seine eigene Gestalt.

Was diese Lektüre erhellt

Diese beiden Verse beschreiben einen Eintritt in den Glauben. An das Unsichtbare glauben, beten, geben: drei einfache und kohärente Gesten, die die Silhouette eines Lebens zeichnen, das auf Allah ausgerichtet ist. Der Glaube ist keine abstrakte Idee — er zeigt sich im Körper und in den Taten. In diesem Punkt stimmt die christliche Tradition vollständig zu.

Doch aus der Struktur des Textes ergibt sich eine Frage. Das ghayb — das Unsichtbare — bleibt verhüllt. Allah überschreitet diesen Schleier nicht. Der Gläubige glaubt an das, was er nicht sieht, betet zu dem, was unsichtbar bleibt, und gibt von dem, was er aus einer Hand empfangen hat, die er nicht sieht. Der Glaube ist real, die Großzügigkeit ist schön — doch die Beziehung bleibt asymmetrisch: Der Mensch versucht, sich zu Allah zu erheben.

Das Evangelium stellt ein anderes Bild vor: Gott, der herabkommt. Nicht mehr nur ein überliefertes Wort, sondern ein Sohn, der kommt.6 Das Unsichtbare bekommt ein Gesicht. Das ist nicht dieselbe Logik der Offenbarung.

Die Frage bleibt offen: Wenn Gott alles vermag, könnte er dann nicht wünschen, anders erkannt zu werden als nur durch ein Buch — könnte er wünschen, persönlich begegnet zu werden?

Referenzen

1 Johannes 1,14 : „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen.“ — Das Unsichtbare tritt in die Sichtbarkeit: der Kern des christlichen Bekenntnisses.

2 Jakobus 2,17 : „So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er keine Werke hat.“ — Im Neuen Testament ersetzen Werke den Glauben nicht; sie zeigen seine Wirklichkeit.

3 Römer 7,18–19 : „Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt …“ — Paulus zeigt die Grenze des menschlichen Willens gegenüber dem Guten: die Gnade wird notwendig.

4 Genesis 15,6 : „Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ — Der Glaube Abrahams ist das gemeinsame abrahamitische Modell für Islam, Judentum und Christentum.

5 Hebräer 11,1 : „Der Glaube ist eine Wirklichkeit dessen, was man hofft, ein Überführtsein von Dingen, die man nicht sieht.“

6 Johannes 3,16 : „Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab …“

7 Genesis 1,1 : „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

8 Johannes 5,39 : „Ihr erforscht die Schriften … und sie sind es, die von mir Zeugnis geben.“